7. Februar 2014

Unterwegs in Peking: Der Platz des Himmlischen Friedens und der Kulturschock geht weiter

Unser erster Morgen in Peking bricht an. Noch im Halbschlaf nehme ich den modrigen Geruch unseres Hotelzimmers wahr und höre das leise Plätschern der defekten Toilette aus unserem Badezimmer. Ich trete ans Fenster und werfe einen Blick hinaus auf die schäbige Gasse. Es wird gerade erst hell und eine alte Frau auf einem klapprigen Fahrrad, auf dessen Gepäckträger sich ein riesiger Berg mit Sachen türmt, fährt langsam zwischen den Häusern hindurch und wirbelt dadurch den Dreck auf. „Ääääääääähhhhh!!!! Ääääääähhhh!!!“, ruft sie klagend während sie sich immer weiter aus meinem Blickfeld entfernt. Jeden Morgen wird die alte Frau in Zukunft noch durch die Gasse fahren und diese merkwürdigen Laute ausstoßen. Ich weiß bis heute nicht, was sie zu bedeuten haben.

Unsere Lehrer haben für die zwei Wochen ein Restaurant gebucht, wo wir täglich zwei bis drei Mahlzeiten erhalten. Nur einige Gehminuten entfernt, empfängt uns das typisch chinesische Restaurant mit roten Lampions, kitschiger Deko, glitzernden Lamettagirlanden und dem Geruch asiatischer Speisen. Ich habe fast das Gefühl die Kellner sind aufgeregter als wir, denn wir werden nicht nur von neugierigen Blicken empfangen, sondern auch das Frühstücksbuffet wird hektisch für uns aufgefüllt. Das Frühstück stellt sich jedoch als äußerst gewöhnungsbedürftig heraus: Es gibt grünen Tee und jede Menge herzhafter, fettiger Speisen wie zum Beispiel Teigtaschen. Seltsame Brötchen, die wie Weckchen (Milchbrötchen) aussehen, aber weder süß noch salzig schmecken, sind das einzige, was annährend vertraut erscheint.


Nach dem Frühstück beginnt das Abenteuer und wir machen uns auf den Weg zu unserem ersten Ausflugsziel, dem nicht weit entfernten Platz des Himmlischen Friedens (Tian’anmen-Platz). Bereits auf dem Weg dorthin folgen uns wieder hunderte Augenpaare sowie das Geräusch von Menschen, die lautstark auf die Straße rotzen. Das Ganze erreicht seinen Höhepunkt, als wir den Platz des Himmlischen Friedens erreichen. Bereits nach kurzer Zeit wird unsere Reisegruppe unverhohlen neugierig von unzähligen Chinesen  angestarrt. Alle lächeln und einige trauen sich trotz offensichtlicher Sprachbarriere näher heran und deuten aufgeregt und schüchtern an, dass sie sich mit uns fotografieren lassen möchten. Besonders die Blonden in unserer Gruppe sind ein beliebtes Ziel und müssen sich ständig mit irgendwelchen fremden Chinesen zusammen fotografieren lassen. Man reagiert auf uns tatsächlich so, als würde George Clooney höchstpersönlich vorbeilaufen.

Und als wir uns schließlich wieder in Bewegung setzen, um den Platz und die umliegenden Gebäude zu erkunden, kommen die Straßenhändler. Wie aus dem Nichts sind sie plötzlich da: Menschen mit kleinen aufgeklappten Koffern, in denen sie Kalligrafiesets, Postkarten und mehr anbieten.
„70 Yuan!“, ruft ein Mann und läuft neben uns her. Als wir ihn anschauen, wird er noch aufgeregter: „Okay, for you 50 Yuan!“. Wir gehen weiter, denn es wird noch genügend Gelegenheit geben einzukaufen, doch unser Desinteresse scheint den Mann nur noch mehr in Fahrt zu bringen: „30 Yuan!“. Er läuft sicherlich noch ein gutes Stück neben uns her bis er versteht, dass wir nichts kaufen werden. Straßenverkäufer trifft man hier eigentlich überall und sobald sie einen Touristen erspäht haben, lassen sie so schnell nicht locker. Falls ihr doch vorhabt etwas zu kaufen, gebt euch desinteressiert dann gehen sie ordentlich im Preis runter ;)


Der nächste Schock folgt sogleich und bis heute ernte ich ungläubige Blicke, wenn ich Freunden davon erzähle, weil mir niemand glauben will. Denn uns fällt auf, dass viele kleine Kinder Löcher in ihren Hosen haben. Zunächst haben wir Mitleid, weil wir denken, die Eltern könnten es sich nicht leisten neue Kleidung zu kaufen. Irgendwann wird uns bewusst, dass alle Kinder diesen Schlitz hinten in ihren Hosen zu haben scheinen. Bald zeigt sich auch warum: Als wäre es das Normalste der Welt, hockt ein Kleinkind sich mitten auf den Platz und verrichtet dort sein Geschäft. Und zwar nicht nur Pipi. Wir sind natürlich ziemlich schockiert. Die Chinesen scheinen ziemlich pragmatisch zu sein…
Da wir es bevorzugen auf eine richtige Toilette zu gehen, steht auch schon der nächste Kulturschock an. Denn zwar gibt es gelegentlich auch Toiletten, wie wir sie von Zuhause kennen (so auch in unserem Hotel), allerdings ist das eher die Ausnahme. Generell kann ich nur sagen, dass China mich was Toiletten betrifft echt abgehärtet hat. Normalerweise gibt es hier nur Toiletten, die einer Toilettenschüssel direkt im Boden gleichen und über die man sich hinhocken muss. Tatsächlich kann man sich noch glücklich schätzen wenn es Toilettenkabinen gibt, manchmal werden die Toiletten nur von einer hüfthohen Mauer abgetrennt – oder manchmal auch gar nicht. Richtige Plumpsklos gibt es natürlich auch.


An diesem Tag besuchen wir nur den Tian’anmen-Platz und das Zhengyangmen-Tor. Trotzdem bietet der Platz einen guten Einstieg in die chinesische Kultur. Rings um den Platz tobt nämlich der größte Verkehr. Zu guter Letzt besuchen wir noch das Tor des Himmlischen Friedens, welches sich an der Nordseite des Platzes befindet. Dahinter befindet sich unter anderem die Verbotene Stadt. Mao Zedongs Anlitz hängt noch immer am Tor und blickt auf einen herab.

An Straßenständen wird natürlich zum Teil auch ekliges Essen wie Heuschrecken oder frittierte Skorpione angeboten. Unsere Lehrer empfehlen uns jedoch nichts an solchen Straßenständen zu kaufen, da europäische Mägen meistens nicht allzu gut mit dem Essen klarkommen. Für uns gibt es daher das Abendessen in unserem Stammrestaurant. In kleinen Gruppen sitzen wir um die runden Tische herum, in der Tischmitte befindet sich eine große Drehscheibe auf der die unterschiedlichsten Speisen angerichtet sind. Durch Drehen kommt jeder an das Gericht, wovon er sich gerne etwas nehmen möchte. Das Essen ist nicht vergleichbar mit dem, was man in Deutschland beim Chinesen bekommt. Hier gibt es Fleisch und Gemüse, das mit exotisches Gewürzen verfeinert wurde, Undefinierbares, das aussieht wie braune, glibberige Gummischlangen und seltsame Kombinationen wie rohe Tomatenstücke, die mit Zucker bestreut wurden. Und natürlich wird alles nur mit Stäbchen gegessen! Ich kann nur so viel verraten: Als es einmal ausnahmsweise Pommes Frites und paniertes Hähnchenfleisch gab, sind wir alle darüber hergefallen, als wären wir total ausgehungert ;)

Kommentare:

  1. Ahh wie interessant, besonders dass Europäer selbst in so einer Megastadt wie Peking noch eine Sensation sind! Klingt echt spannend alles. Und witzig, dass du nur 2 Sätze über die eigentlichen Sehenswürdigkeiten geschrieben hast, das zeigt wie viel mehr Eindruck die alltäglichen Dinge bei dir hinterlassen haben :D (die ja nun für uns absolut nicht alltäglich sind!)

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    1. Europäer sind nur eine Sensation an Touristenpunkten, wie zB. dem Tian'anmen, an denen sich auch viele chinesische Touristen aufhalten, die aus den Dörfern und "kleineren" Städten kommen und somit noch nie einen Ausländer gesehen haben. :-)

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  2. Das mit den offenen Windeln bei den Babies/Kleinkindern hat mir meinen so ersten richtigen Kulturschock hinterlassen. Wir waren im Sommer bei ca. 38° mal im Schwimmbad und auch da haben es die Kinder sehr ernst genommen mit dem Motto "Lass' laufen!", was natürlich unheimlich gut kommt, direkt neben dem Schwimmbecken und wenn dann alle durch die Pfütze laufen müssen INS Wasser. Waaaaah. Also chinesisches Schwimmbad, nie wieder.

    Für die Chinesen ist es aber wahrscheinlich total barbarisch, wie wir Kinder stuuuundenlang in der vollgepinkelten Windel umher laufen lassen. "Was raus muss, muss raus!" ist hier die Devise. Nicht nur das mit den offenen Windeln oder das ständige Gerotze... ich schließe auch darauf zurück, dass man hier nur schwer und wenn dann sehr teuer Tampons zu kaufen bekommt. O____o

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  3. Die Frau mit dem "Ähhhh"-Gesang hat übrigens entweder lautstark versucht, etwas zu verkaufen, oder versucht, Leuten ihren Schrott (z.B. alte Waschmaschinen :D) abzunehmen. Wenn ich bei meinen Großeltern bin, kommt das auch immer wieder vor.
    Und ich muss sagen, in China bin ich immer ganz froh, dass dort die Toiletten "im Boden" sind. So dreckig wie die zum Teil sind, würde ich mich nicht unbedingt draufsetzen wollen :D

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  4. Wow, ich hätte nicht erwartet, dass sich China, bzw. Peking so stark von Südkorea, bzw. Seoul unterscheidet. Deine Berichte lese ich sehr gern. Bin schon auf weiter gespannt!

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